Rezension: Stimme des Herzens: Whisper of the Heart

Verbunden durch ausgeliehene Bücher, lernt Shizuku in Stimme des Herzens: Whisper of the Heart Seiji kennen und beginnt sich Gedanken über ihre Zukunft zu machen.

Shizuku Tsukishima ist eine normale Vierzehnjährige. Die Mittelschülerin lebt mit ihren Eltern und ihrer großen Schwester in einer kleinen Wohnung und trifft sich in den Sommerferien mit ihrer Freundin Yuko. Außerdem liest Shizuku mit großer Begeisterung. Für die schulfreie Zeit hat sie sich vorgenommen, viele Bücher zu lesen. Dabei fällt ihr auf, dass fast alle Bücher, die sie sich in der Bibliothek ausleiht, bereits jemand namens Seiji Amazawa ausgeliehen hatte. Neugierig beginnt sie Interesse an ihm zu entwickeln. Als sie eines Tages im Zug einen dicken Kater trifft, folgt sie ihm und landet in einem kleinen Antiquitätengeschäft. Dort lernt sie nicht nur den freundlichen, älteren Besitzer Shiro Nishii kennen, sondern trifft ausgerechnet ihren nervigen Mitschüler, der sich über die Übersetzung des Liedes Country Road lustig gemacht hat. Die schicksalhaften Begegnungen verändern ihren Blick auf die Zukunft und erstmals beginnt Shizuku über die Mittelschulzeit hinaus zu denken. Inspiriert von einer Katzenfigur im Antiquitätengeschäft, beschließt Shizuku selbst eine Geschichte zu schreiben.

Sanftes Kennenlernen

Stimme des Herzens: Whisper of the Heart basiert wie der ebenfalls von Studio Ghibli stammende Film Das Königreich der Katzen auf einem Manga von Aoi Hiiragi. Die von Regisseur Yoshifumi Kondo nach einem Drehbuch von Hayao Miyazaki, der auch für das Storyboard verantwortlich war, Anime-Adaption erlaubt sich allerdings einige Freiheiten und interpretiert die Geschichte von Shizuku und Seiji neu. Dabei beginnt das ruhige Romantik-Alltagsdrama mit einigen wunderschön gezeichneten Blicken auf die Stadt. Panoramaaufnahmen vermitteln den Eindruck des normalen Alltags, während musikalisch mit „Take Me Home, Country Roads“ eine besondere Stimmung geweckt wird. Das ursprünglich von John Denver Anfang der 1970er gesungene Lied nimmt in Stimme des Herzens eine zentrale, wenn auch hintergründige Rolle ein. So dient Shizukus Übersetzung des Textes ins Japanische beziehungsweise in der deutschen Sprachfassung ins Deutsche als eine der Verbindungen zwischen Shizuku und Seiji. Gleichzeitig vermittelt das Lied ihre jeweils persönliche Suche nach einem Weg in die Zukunft und die Sehnsucht nach ihren eigenen Träumen.

Allerdings ist Stimme des Herzens kein philosophischer oder durchgehend nachdenklicher Film. Vielmehr wird eine ruhige und sanfte Geschichte über zwei Mittelschüler erzählt, die sich auf relativ normale Weise kennenlernen und näher kommen. So weckt Seiji erstmals Shizukus Aufmerksamkeit, ohne dass sie überhaupt weiß, wer er ist. Es ist bloß sein Name, den sie bei jedem Buch, das sie sich in der Bibliothek ausleiht, auf der Leihkarte entdeckt. Entsprechend hat Seiji die Bücher bereits vor ihr gelesen. Das weckt bei der Vielleserin Neugier, um wen es sich bei Seiji handelt. Außerdem entwickelt sie, ohne ihn zu kennen, erste Gefühle für ihn. Gleichzeitig befasst sich Stimme des Herzens mit Shizukus Familienleben, ihren ersten Begegnungen mit einem nervigen Mitschüler sowie der Entdeckung eines kleinen Antiquitätenladens, das vom Großvater jenes Mitschülers geleitet wird. Natürlich ist früh vorhersehbar, um wen es sich bei ihm handelt. Ein allzu großes Geheimnis versucht der Film hierbei nicht aufzubauen.

Ruhige Selbstfindung

Allgemein setzt Stimme des Herzens auf eine sehr bodenständige und realitätsnahe Geschichte. Angesiedelt in der Mitte der 1990er-Jahre, wird das einfache Leben von Shizukus Familie ebenso dargestellt wie ihr Schulalltag oder typische Probleme von Jugendlichen. Ob nun Shizukus Freundin Yuko Probleme in der Liebe hat oder Shizuku von ihrer großen Schwester genervt ist, die Darstellung der Figuren dürfte für viele nachvollziehbar sein. Natürlich überzeichnet Stimme des Herzens ein paar Momente auch, bleibt dabei aber trotzdem ausreichend bodenständig, um das Gesamtbild nicht zu stören. Zumal sich hier der leichtgängige, aber willkommene Humor zeigt, der die ruhige Geschichte perfekt auflockert. Auch sonst versteht es Stimme des Herzens, die Geschichte frisch und abwechslungsreich zu halten. Dafür sorgt auch Shizukus Fantasie, die eindrucksvoll in Szene gesetzt wird und einige abenteuerliche Ereignisse in die Handlung einbaut. Hier nimmt dann auch Baron Humbert von Gikkingen, einer der Protagonisten aus Königreich der Katzen, eine wichtige Rolle ein. Grundsätzlich zeigt sich eine leichte Verbindung der beiden Filme sowie ihrer Vorlagen. Wirklich zusammen hängen Stimme des Herzens und Königreich der Katzen aber nicht.

Obwohl sich Stimme des Herzens von den oft als klassisch empfundenen Ghibli-Werken deutlich unterscheidet, versprüht das Romantik-Alltagsdrama eine ähnliche Magie. Zu verdanken ist das gleichermaßen der ruhigen Geschichte, den liebenswerten, glaubhaften Figuren und der zauberhaften Atmosphäre, die den normalen Alltag glaubhaft einfängt. Natürlich beweist Studio Ghibli einmal mehr ein Händchen für wunderschöne Animationen und Zeichnungen. Detailreiche Umgebungen gehen Hand in Hand mit schön gestalteten Charakteren und flüssigen Bewegungen sowie lebendiger Mimik. Damit war Stimme des Herzens bei der Erstveröffentlichung im Sommer 1995 anderen Anime weit voraus und auch heute wissen die Animationen noch zu gefallen. Begleitet wird die Geschichte von einem abwechslungsreichen, mal verspielten, mal ruhigen, mal fröhlichen und mal leicht rockigen Soundtrack, bei dem wie erwähnt das Lied „Take Me Home, Country Roads“ zentral eingebunden ist. Die deutsche Synchronisation haucht den Charakteren zudem glaubhaft Leben ein. Stimme des Herzens ist ein wunderschönes Romantik-Alltagsdrama, dem nicht nur alle Anime- und Ghibli-, sondern auch alle Genre-Fans, die sonst kaum Anime ansehen, eine Chance geben sollten.

Fazit

Stimme des Herzens: Whisper of the Heart ist einer jener Filme, die beweisen, dass Studio Ghibli mehr ist als Fantasy, Abenteuer und Märchen. Das ruhige Romantik-Alltagsdrama erzählt eine sanfte und bodenständige Geschichte über das Kennenlernen, erwachende Gefühle, die erste Liebe und den aufkommenden Wunsch nach einem Ziel für die Zukunft. Dabei wird Stimme des Herzens vor allem von den liebenswerten und glaubhaften Charakteren getragen. Shizuku ist eine sympathische Protagonistin, die ich sofort ins Herz geschlossen habe und Seiji steht ihr in nichts nach. Ähnliches gilt für die anderen Figuren, die sich gut in die Geschichte einfügen und ihren Anteil an Shizukus Erlebnissen haben. Dabei weiß Stimme des Herzens die kurze, schicksalhafte Zeit von Shizuku perfekt zu erzählen und bis zum Ende mit viel Abwechslung – inklusive kleiner fantasievoller Szenen – und vor allem einer angenehmen Atmosphäre zu begeistern. Visuell und musikalisch beweist Stimme des Herzens zudem einmal mehr die Brillianz von Studio Ghibli. Eine eindeutige Empfehlung für alle Genre- und Ghibli-Fans. Wer außerdem wissen möchte, wie das Leben von Shizuku und Seiji nach dem Ende weitergeht, sollte dem zwar nicht genauso guten, aber dennoch ordentlichen Film Whisper of the Heart: Stimme des Herzens, der sich auf die bereits erwachsenen Hauptfiguren konzentriert, eine Chance geben.

Kurzfazit: Bodenständiges Romantik-Alltagsdrama, das mit liebenswerten Hauptfiguren und ruhiger, sanfter Geschichte auf faszinierende und magische Weise unterhält.

Details
Titel: Stimme des Herzens: Whisper of the Heart
Originaltitel: Mimi o Sumaseba
Genre: Alltagsdrama, Romantik, Coming of Age
Regie: Hiroyuki Morita
Studio: Studio Ghibli Inc.
Produktionsjahr: 1995
Laufzeit: ca. 111 Minuten
Sprachen: Deutsch, Japanisch, Englisch, Französisch und weitere
Untertitel: Deutsch, Japanisch, Englisch, Französisch und weitere
Herkunftsland: Japan
Altersfreigabe: ab 0
Herstellershop: Stimme des Herzens: Whisper of the Heart (Blu-ray) im Leonine Shop
Stimme des Herzens: Whisper of the Heart (DVD) im Leonine Shop
Stream: Stimme des Herzens: Whisper of the Heart bei Netflix

© Aoi Hiiragi / Shueisha Inc. / Studio Ghibli

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