Rezension: Brigandine Abyss (Switch 2)

Auf dem Kontinent Meltitea entbrennt in Brigandine Abyss nach der Auferstehung des Abyssloa-imperiums ein neuer Krieg.

Nach dem 1998 erstmals für die PlayStation veröffentlichten Brigandine und dem erst über zwanzig Jahre später 2020 erschienenen Nachfolger Brigandine: The Legend of Runersia, ist Brigandine Abyss der dritte Teil der Strategie-Rollenspiel-Reihe. Obwohl Brigandine Abyss, wie die Vorgänger, statt auf quadratische Felder wie aus der Fire-Emblem-Reihe bekannt, auf sechseckige Felder setzt, bleibt das grundlegende Gameplay dem Genre treu. Gleichzeitig schrauben Entwicklerstudio Adglobe und Happinet die taktische Tiefe nach unten, wodurch Brigandine Abyss zwar einsteigerfreundlicher ist als die Vorgänger, aber auch einen Teil der Besonderheit der Reihe einbüßt. Trotzdem kann das Strategie-Rollenspiel durchaus motivieren.

Schlachten um Meltitea

Wie bereits erwähnt, setzt Brigandine Abyss beim grundsätzlichen Gameplay auf bekannte Genre-Standards, wie sie von den Vorgängern oder der Fire-Emblem-Reihe bekannt sind. Bedeutet, die Schlachten verlaufen rundenbasiert. In der Spielerphase erteilt ihr euren Truppen Befehle, bevor schließlich in der Gegnerphase eure Widersacher an der Reihe sind. Die Hexagonal-Felder haben dabei natürlich Auswirkung auf das Spielgefühl. So müssen alle Richtungen bedacht werden und auch das Bewegen über die Schlachtfelder ist ein wenig anders. Die Grundlagen sind aber genre-typisch. Eine Besonderheit der Brigandine-Reihe sind allerdings die Einheiten. Diese bestehen aus einem Anführer und bis zu fünf Monstern. Wie viele Untergebene ein Anführer befehligen kann, hängt von den individuellen Befehlspunkten, die sich mit Levelaufstiegen erhöhen, ab. Allerdings gibt es kein Zusammenspiel der Einheiten untereinander. So gibt es keine Boni, wenn Anführer und Monster gemeinsam agieren. Beachtet werden muss lediglich, dass alle Monster verschwinden, wenn der Anführer fällt. Das bringt zwar etwas mehr taktische Tiefe, gleichzeitig fühlen sich die verschiedenen Anführer und Monster ansonsten losgelöst voneinander an.

Wer die Vorgänger nicht kennt, wird sich daran nicht stören. Zumal eure Armee dadurch leichter zu befehligen ist. Schließlich zieht ihr jeden Anführer und jedes Monster unabhängig voneinander und könnt somit etwas freier planen. Etwas bedauerlich ist, dass die Vielfalt an Monstern ein wenig zu wünschen übrig lässt. An den taktischen Möglichkeiten ändert das aber nur wenig. Schließlich bieten Anführer und Monster ausreichend unterschiedliche Klassen und somit Angriffe und Fähigkeiten. Dabei setzt Brigandine Abyss auf klassische Aktionen wie Nah- und Fernkampf, Magie, Heilung und Unterstützungszauber. Ein wenig schade ist, dass lediglich die Hauptcharakter der acht Story-Fraktionen wirklich besonders gestaltet sind und mit eigenen Klassen daher kommen. Die besonderen Figuren der anderen Nationen sind auf dem Schlachtfeld generische Modelle, wie sie auch als Söldner rekrutiert werden können. Das hat zwar keinen Einfluss auf das durchaus taktische, motivierende und spaßige Schlachten-Gameplay, schadet aber der Atmosphäre.

Strategische Planung

Brigandine Abyss schickt euch nicht von einer Schlacht in die nächste. Stattdessen findet ein nicht geringer Teil des Spielablaufs auf der Kontinentkarte statt. Das hängt mit den drei Phasen, in die jede Saison eingeteilt ist, zusammen. In der Formationsphase habt ihr die Gelegenheit eure Basen zu verwalten. Hier stellt ihr eure Einheiten zusammen, rekrutiert neue Anführer und Monster, wechselt Ausrüstung, kauft beim Händler ein, schickt Einheiten auf Erkundungs- oder Trainingsmissionen, bewegt Einheiten zwischen den Basen oder entwickelt die Basis weiter. Letzteres benötigt wertvolle Ressourcen und finanzielle Mittel, die keineswegs einfach zu bekommen sind. Gute Planung ist essentiell, auch für die weiteren Phasen. Schließlich ist es euer Ziel, möglichst den gesamten Kontinent zu erobern. Zusätzlich kommt es im Story-Modus nach einer bestimmten Anzahl Saisons zu Event-Kämpfen, auf die ihr euch selbstverständlich gezielt vorbereitet.

Habt ihr die Formationsphase abgeschlossen, folgt die Angriffsphase. Diese ist vergleichsweise kurz, schließlich legt ihr lediglich fest, welche Einheiten eine benachbarte Basis angreifen. Dafür müssen die bis zu drei Einheiten natürlich bereits in der Basis von der ihr euren Angriff startet stationiert sein und dürfen an keiner Erkundung teilnehmen. Habt ihr alle Angriffe, die ihr in der aktuellen Saison durchführen wollt geplant, geht es in die Invasion. In dieser Phase werden die von euch festgelegten Schlachten nacheinander bestritten. Hier greift dann das bereits oben beschriebene klassische Gameplay und ihr zieht eure Truppen über die Hexagonal-Schlachtfelder, um den Sieg zu erringen. Nach euren Angriffen, kommt es vor, dass auch andere Fraktionen versuchen, Basen zu erobern. Auffällig hierbei ist, dass fast immer die angreifende Fraktion den Sieg davonträgt. Die Schlachten müsst ihr euch selbstverständlich nicht ansehen. Der Ablauf von Saisons und Phasen ist im Missions-Modus identisch. Hier könnt ihr neben den sechs Story-Fraktionen auch alle anderen Nationen befehligen. Dabei verfolgt jede von ihnen individuelle Ziele und Niederlagebedingungen.

Fantasy-Gepflogenheiten

Natürlich nimmt die Geschichte ebenfalls eine wichtige Rolle in Brigandine Abyss ein. Zumindest der Story-Modus erzählt eine kurzweilige, wenn auch in Teilen typische und klischeehafte Fantasy-Geschichte. Zweihundert Jahre nachdem die legendäre Magierin Lunadia mit der Erschaffung der mächtigen Rüstung Brigandine den Krieg gegen das Imperium von Abyssloa beendet und das tyrannische Reich vernichtet hat, ziehen wieder Schatten über dem Kontinent Meltitea auf. Das Königreich Solginat weckt mit besorgniserregenden Zuständen die Aufmerksamkeit der anderen Nationen. Als der König damit konfrontiert wird, wird er von seinem eigenen Kanzler Chaossolus getötet. Dieser verkündet daraufhin die Wiederauferstehung des Imperiums von Abyssloa und ernennt sich selbst zu dessen Kaiser. Soweit bleibt die Geschichte bei allen Fraktionen identisch. Je nachdem, für welche der sechs Story-Nationen ihr euch entschieden habt, nimmt die Handlung einen etwas anderen Weg. Die erste Mission bleibt jedoch stets gleich und verlangt von euch die Flucht aus Solginat beziehungsweise Abyssloa.

Die Unterschiede zwischen den sechs Fraktionen fallen teilweise recht deutlich aus. Jede von ihnen verfügt über drei zentrale Figuren, die auch als Anführer dienen, und hat eigene Beweggründe und Herausforderungen im aufziehenden Krieg. So sehen sich die Drachenbändiger aus Gran Drachnica mit entführten und manipulierten Drachen konfrontiert. Der Scharlachrote Wille, die Söldner der Gerechtigkeit wiederum, müssen mit dem Verlust ihres Anführers zurechtkommen und schaffen es, die Prinzessin von Solginat in Sicherheit zu bringen. Beim Samura-Clan geht es um das Bestehen gegen alte Feinde, das Rätsel an Abyssloa verkaufter Oni und die Aufgabe einer jungen Frau, ihrem Vater als Herrscher nachzufolgen. Die Qualität der verschiedenen Kampagnen unterscheidet sich teilweise deutlich, was jedoch auch vom persönlichen Geschmack abhängt. Leider leidet die Inszenierung der Geschichten unter der Einteilung des Spielablaufs in Saisons. So dauert es oft viel zu lange, bis die Handlung weitererzählt wird. Zudem wirkt es nicht immer logisch, dass die Fraktionen benachbarte Nationen angreifen, um deren Basen zu erobern. Hier wären zumindest kurze, passende Story-Einschübe und Dialoge hilfreich. Darunter leidet bedauerlicherweise der Story-Modus spürbar – was angesichts der trotz Standards und Klischees durchaus ordentlichen Geschichten schade ist. Immerhin sind einige der Charaktere interessant und ausreichend gut geschrieben.

Etwas veraltet und stimmungsvoll

Optisch solltet ihr von Brigandine Abyss keine Opulenz erwarten. Weder die Umgebungen noch Anführer oder Monster sind grafisch zeitgemäß. Matschige Texturen gehen Hand in Hand mit durchaus ordentlichen Details. Hierbei hängt es allerdings auch ein wenig von der jeweiligen Karte ab. Einige der Schlachtfelder sind trister als andere gestaltet. So wirken sich gerade Besonderheiten, die Einfluss aufs Gameplay haben, oft auch grafisch positiv aus. Zudem sind einige der Karten wirklich fantasievoll, während andere eher langweilig ausfallen. Das gilt auch für die Charaktermodelle. Wie bereits erwähnt, haben lediglich die zentralen Figuren der sechs Story-Fraktionen besondere Designs erhalten. Das ist bei insgesamt vierundzwanzig Nationen viel zu wenig. Zumal wir jede der Fraktionen im Missions-Modus individuell spielen dürfen. Hier hätte für jeden der drei zentralen Charakter einer Fraktion ein eigenes Design vorhanden sein müssen. Immerhin verfügen die jeweiligen Figuren auch über eigene Artworks, die in Dialogen verwendet werden. Dadurch ist es noch unverständlicher, dass sie kein entsprechendes Modell für die Schlachten erhalten haben. Mitunter kann das sogar verwirren, weil nicht immer ersichtlich ist, dass unser Gegner kein Standard-Anführer, sondern ein besonderer Charakter ist. Aufs Gameplay hat das allerdings keinen Einfluss, schließlich verfügen auch nur die besonderen Helden der Story-Fraktionen über spezielle Fähigkeiten – bedauerlich.

Punkten kann Brigandine Abyss hingegen mit einem schicken Anime-Intro, den detailreichen Charakter-Artworks sowie der japanischen Vertonung. Letztere trägt viel zur Atmosphäre bei und verleiht den Dialogen etwas mehr Wirkung. Genauso stimmungsvoll ist der epische Soundtrack, den ihr optional auch in der Galerie anhören dürft. Diese wird ergänzt von den Aufzeichnungen. Dabei handelt es sich um Events, Informationen zu Charakteren, Söldnern und Monstern sowie wichtige Schlachten der Fraktionen, die ihr im Story- oder Missions-Modus freigeschaltet habt. Spannend ist die Politik-Weltkarte, die euch, sofern in Story- oder Missions-Modus bereits erlebt, die Verstrickungen der Fraktionen nachvollziehen lässt. Das verleiht der Welt von Brigandine Abyss zusätzliche Tiefe und ist förderlich für den Spielspaß. Dieser ist trotz der Schwächen vorhanden und das Strategie-Rollenspiel kann auch motivieren. Leider wird der Spielspaß immer wieder von unnötigen Schwächen getrübt. Positiv überrascht hat die Tatsache, dass sämtliche Texte in deutsch vorliegen und gut übersetzt wurden. Ein weiterer Punkt, der dazu beiträgt, dass Brigandine Abyss zugänglicher ist als der Vorgänger.

Fazit

Brigandine: The Legend of Runersia habe ich trotz vorhandenem Spielspaß aus Zeitmangel nur ein paar Stunden gespielt. Umso gespannter war ich auf Brigandine Abyss, das mir dank einiger Anpassungen den Einstieg erleichtert. Dieses Entgegenkommen an Reihenneulinge geht allerdings zulasten der taktischen Tiefe, was wiederum Fans des Vorgängers oder des PlayStation-Originals missfallen könnte. Trotzdem bleibt Brigandine Abyss ein klassisches und je nach Schwierigkeitsgrad forderndes Strategie-Rollenspiel mit ausreichend Gameplay-Tiefe. Gerade die Planungsphasen zwischen den Schlachten sorgen dafür, dass auch Ressourcen- und Einheiten-Management eine wichtige Rolle einnehmen. Leider sorgen die Abschnitte auf der Kontinentkarte auch dafür, dass der Spielfluss etwas unterbrochen wird und das Erzähltempo sehr langsam ausfällt. Es dauert zu lange, bis die Geschichte mit der nächsten Event-Schlacht weitergeht. Daran können eingestreute Dialoge und Ereignisse nur wenig ändern. Trotzdem motiviert mich Brigandine Abyss mit den Schlachten und der Planung, welche Basis ich als nächstes einnehme. Dass hier kleinere Logiklücken bezüglich der Beziehungen der Fraktionen auftreten, kann ich akzeptieren. Bedauerlicher ist, dass nicht alle Charaktere eigene Modelle haben. Das schadet der sonst gerade durch die Musik sehr dichten Atmosphäre. Die grafische Schwäche stört mich nicht, schließlich läuft Brigandine Abyss durchgehend flüssig. Auch der Missions-Modus ist spannend und die Galerie lässt mich noch mehr in die Ereignisse um den Kontinent Meltitea eintauchen. Leider trüben die Schwächen den Spielspaß teilweise deutlich, sodass sowohl Reihen-Neulinge als auch Brigandine-Veteranen nicht vollends zufrieden sein werden. Dennoch können Strategie-Rollenspie-Fans einen Blick wagen – was dank der kostenlosen Demo problemlos möglich ist.

Kurzfazit: Durchaus motivierendes Strategie-Rollenspiel, dessen kurzweiliges Gameplay unter einigen Schwächen leidet, dem Spielspaß aber nicht komplett schadet.

Vielen Dank an NIS America für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Brigandine Abyss!

Details
Titel: Brigandine Abyss
Genre: Strategie-Rollenspiel
Publisher: NIS America
Entwickler: Adblobe, Happinet
Spieler: 1
Syteme: Switch 2 (getestet), PlayStation 5, PC
Altersfreigabe: ab 12
Erscheinungsdatum: 27. August 2026

©Happinet. Licensed to and published by NIS America, Inc.