Rezension: Atlas Fallen (Xbox Series X)

In einer von Wüste beherrschten Welt stellt sich ein Namenloser in Atlas Fallen mit göttlichem Gauntlet gegen die Unterdrückung.

Nach mehreren Souls-like-Ausflügen mit Lords of the Fallen (2014) und beiden The-Surge-Spielen, verlässt Deck13 für Atlas Fallen die Gefilde der knüppelharten Spiele. Stattdessen handelt es sich bei dem neuen Titel des Frankfurter Studios um ein Action-Adventure mit Rollenspiel-Elementen und gelungenem Koop-Modus. Bevor wir unseren Kampf gegen die Unterdrückung durch den Gott Thelos und die tausendjährige Königin beginnen, wählen wir jedoch einen von drei Schwierigkeitsgraden. Hier zeigt sich die Souls-like-Vergangenheit des Studios, das die höchste Stufe zumindest teilweise an die Herausforderung des Genres angelehnt ist. Doch keine Sorge: Merken wir, dass Atlas Fallen zu leicht oder schwer ist, dürfen wir jederzeit den Schwierigkeitsgrad ändern.

Namenlos und auserwählt

Anders als in Lords of the Fallen (2014) und The Surge, dürfen wir uns in Atlas Fallen einen eigenen Charakter erstellen. Wir entscheiden uns für Geschlecht und legen mit Hilfe einiger Einstellungsmöglichkeiten und vorgegebener Bausteine das Aussehen unserer Hauptfigur fest. Da wir uns für einen weiblichen Charakter entschieden haben, werden wir im weiteren Verlauf des Tests von einer Namenlosen sprechen. Denn genau das sind wir. Bei den Namenlosen handelt es sich um Menschen, die keine Rechte haben und jegliche Arbeit verrichten müssen. Als Teil einer Karawane, sind wir in einen Sturm geraten und müssen uns erst einmal in einem Lager einrichten. Letztlich führt der Handlungsablauf dazu, dass wir ein mächtiges Artefakt, den Gauntlet, finden. Der Handschuh ist jedoch nicht nur eine mächtige Waffe im Kampf gegen die gefährlichen Phantome, die überall lauern, sondern beherbergt auch den Geist des geheimnisvollen Wesens Nyaal. Gemeinsam mit ihm beginnt unser Kampf gegen Thelos und die Unterdrückung.

Obwohl die Geschichte einige gute Ansätze hat mit ordentlichen Wendungen aufwartet, ausreichend spannend ist und uns wirklich gut unterhalten hat, sollten keine großen Überraschungen erwartet werden. Atlas Fallen bleibt bei der erzählten Handlung im bekannten Rahmen, schafft es aber trotzdem stets unser Interesse zu halten und uns allein schon dadurch, dass wir wissen wollen, was als nächstes passiert, zum Weiterspielen zu animieren. Das ist auch den gelungenen Charakteren, denen wir im Laufe unseres Abenteuers begegnen, zu verdanken. Zudem profitiert Atlas Fallen enorm vom unverbrauchten Setting. Das Action-Adventure ist in einer von Wüste beherrschten Welt angesiedelt. Der Abbau von Essenz, einem Mineral, das Thelos benötigt, hat für den Rückgang der Natur gesorgt. Lediglich an manchen Orten ist noch mehr Grün als vereinzelte Pflanzen in der sandigen Einöde zu finden. Trotzdem ist die Welt nicht zu eintönig, sondern bietet ausreichend Abwechslung. Ruinen, Felsen, Hügel oder kleine Oasen, Sümpfe und Wälder sorgen dafür, dass wir nie den Eindruck hatten, die Welt wäre zu langweilig. Dennoch könnte ein Nachfolger gerne noch mehr optische Abwechslung bieten.

Wuchtig und schnell

Ein wichtiger Faktor von Atlas Fallen ist das hervorragende Gameplay. Hatten wir anfangs noch ein etwas behäbiges Gefühl, hat sich unser Eindruck schnell gewandelt. Zu verdanken ist das der sehr guten, wenn auch nicht immer perfekten Steuerung sowie den immer neuen Fähigkeiten, die wir erlernen. Unsere Namenlose kann zu Beginn nicht einmal kämpfen, was sich jedoch schnell ändert, sobald wir den Gauntlet besitzen. Im Verlauf des Spiels erhalten wir neue Waffen und Fähigkeiten, die uns neue Bewegungsmöglichkeiten offenbaren. Irgendwann flitzen wir regelrecht durch die offenen, meist weitläufigen und miteinander verbundenen Gebiete. Das ist sogar wörtlich gemeint, da wir auf dem Sand surfen dürfen. Das ist überaus unterhaltsam und in den Kämpfen enorm hilfreich. Daraus ergibt sich ein Gameplay-Fluss, der schlicht spaßig ist.

Daran beteiligt sind auch die wuchtigen Kämpfe. Obwohl wir filigran und schnell durch die Gegend flitzen beziehungsweise surfen können, fühlt sich unser Charakter immer angenehm massiv an. Das passt wunderbar zum Gameplay und besonders zu den Auseinandersetzungen mit den teilweise riesigen Phantomen. Dabei erinnert uns Atlas Fallen vor allem an die Darksiders-Reihe – und das nur im besten Sinne. Brachial greifen wir Gegner an, reihen Attacke an Attacke und bauen dabei Momentum auf. Ist die Leiste ausreichend gefüllt, dürfen wir unsere an Essenzsteine gebundenen Fähigkeiten nutzen. Während die meisten passiv und automatisch aktiv sind, haben wir bis zu drei Spezialaktionen. Von mächtigen Angriffen über Heilung und hilfreichen Verbesserungen ist hier vieles möglich. Das sorgt für noch mehr Vielfalt in den Kämpfen, die wir nicht nur am Boden, sondern auch in der Luft austragen. So springen wir nicht nur, um Gegner zu beharken, sondern dürfen auf Knopfdruck auch kurzzeitig schweben. Schaffen wir es, mit Dashs und Angriffen unsere Gegner unablässig zu treffen, können wir sogar bis zum Ende eines Kampfs komplett in der Luft bleiben. Dabei spielt auch das sowieso wichtige Ausweichen und Verteidigen eine große Rolle. Beides ist essentiell, um feindlichen Attacken zu entgehen und keinen Schaden zu nehmen.

Beachten müssen wir auch, dass mittlere und große Phantome mehrere Angriffszonen haben, die wir einzeln anvisieren dürfen. Welche Körperteile zerstört werden müssen, um einen Gegner zu bezwingen, wird in einer entsprechenden Anzeige unterhalb von unserer Lebensenergie angezeigt. Dank unserer Momentum-Anzeige können wir auch einen mächtigen Zertrümmerungsangriff ausführen. Daraufhin verbrauchen wir unser Momentum, fügen einem Gegner aber massiven Schaden zu und können bereits in Mitleidenschaft gezogene Körperteile direkt zerstören. Besonders bei den knackigen Bosskämpfen ist das neben Ausweichen, Verteidigen und geplanten Angriffen notwendig, um den Sieg davon zu tragen.

Lebenswichtige Aufwertungen

Für besiegte Gegner, den Abschluss von Haupt- und Nebenquests sowie andere Tätigkeiten erhalten wir Essenzstaub. Grob betrachtet kann dieser mit Erfahrungspunkten oder Seelen aus Souls-Spielen verglichen werden. Allerdings werten wir unseren Charakter nicht direkt auf. Im Level aufsteigen können wir nicht. Stattdessen verbessern wir unsere Rüstungen, die wir im Laufe des Abenteuers finden. Die Stufe einer Rüstung ist den Leveln der Gegner gleichzusetzen. Sämtliche unserer Attribute hängen von unserer Rüstung ab. Dabei können die Unterschiede teilweise recht groß sein, auch weil die Rüstungen unterschiedliche Spezialisierungen und Boni gewähren. Meist ist die neuste Rüstung in ihrer höchsten Aufwertung jedoch auch die beste Rüstung, die wir tragen können. Hier wäre noch mehr Variation schön. Immerhin dürfen wir die Rüstungen jederzeit optisch anpassen und etwa das Aussehen einer anderen Rüstung verwenden, einen kosmetischen Gegenstand verwenden oder bestimmte Teile mit gesammelten Färbemitteln umgestalten.

Essenzstaub benötigen wir allerdings nicht nur für unsere Rüstungen. Auch die bereits erwähnten Essenzsteine brauchen neben gesammelten Ressourcen Essenzstaub zur Verbesserung. Dadurch werden sie stärker und erhalten teilweise sogar zusätzliche Effekte. Zuvor müssen wir viele Essenzsteine jedoch mittels gefundenem Rezept erst herstellen. Ausrüsten dürfen wir die Steine an unserem Gauntlet. Dafür gibt es drei Ränge, die jeweils eine aktive und drei passive Fähigkeiten umfassen. Zusätzlich können wir noch jeweils eine Waffe als Haupt- und Nebenwaffe festlegen und ein Amulett ausrüsten. Letzteres dient uns vorwiegend zur Heilung. Die begrenzte Anzahl an Heilungen und das Auffüllen dieser an den als Speicher- und Schnellreisepunkte dienenden Ambosse erinnert ebenfalls an Souls-like-Spiele. Zusätzlich haben die Amulette noch weitere Effekte. Etwa, dass sich die Heilungen durch das Austeilen von Schaden schneller wieder aufladen, oder dass sich bei Verwendung des Amuletts unsere Verteidigung für eine begrenzte Zeit erhöht. Insgesamt dürfen wir drei verschiedene Sets aus Waffen, Amulett und Essenzsteinen ausrüsten und außerhalb von Kämpfen jederzeit zwischen ihnen wechseln.

Zahlreiche Beschäftigungen

Wie bereits erwähnt, folgen wir in Atlas Fallen nicht nur der Geschichte, sondern widmen uns auch Nebenquests und -aufgaben. Dabei kann es sich um eigene kleine Handlungsstränge, Sammelmissionen, Botengänge oder übliche Nebenbeschäftigungen wie Schatzsuchen handeln. Auch kleine Geschicklichkeitsabschnitte dürfen wir absolvieren. Obwohl die Aufgaben sich relativ schnell wiederholen, hatten wir nie das Gefühl, zu wenig Abwechslung geboten zu bekommen. Zwar wären etwas mehr unterschiedliche Aufgaben schön, doch auch so bietet Atlas Fallen genug, um zum Erkunden der weitläufigen Gebiete zu motivieren. Zumal wir erst durch Story-Fortschritt oder das Abschließen mancher Missionen weitere Quests freischalten oder gar in gänzlich neue Bereiche gelangen können. Das hängt teilweise auch von unseren Fähigkeiten ab, da wir nicht alle Bewegungsmöglichkeiten von Anfang an beherrschen. Hier erinnert Atlas Fallen manchmal an ein Metroidvania, auch wenn gerade die grundlegenden Gauntlet-Fähigkeiten zu linear verbessert werden, um wirkliche Freiheit zu bieten. Wirklich negativ ist das aber nicht.

Technisch überzeugt Atlas Fallen fast durchweg. Abgesehen von etwas veralteten Figuren- und Gesichtsanimationen in Dialoge und gelegentlichen Pop-Ups, sind uns keine Fehler aufgefallen. Zudem läuft das Action-Adventure im Performance-Modus durchweg flüssig und sieht zudem wirklich schick aus. Zwar ist Atlas Fallen kein neuer Grafik-Meilenstein, überzeugt aber mit erstklassigen Kampfanimationen, enormer Weitsicht und einer stimmungsvollen Beleuchtung. Kleinere Bugs wie die nicht einsetzende deutsche Sprachausgabe wurden bereits mittels Patches behoben. Die deutsche Synchronisation kann übrigens durchweg überzeugen und ist sehr gut. Lediglich kleinere Abweichungen zwischen Gesprochenem und Untertiteln kann etwas verwirren, fällt aber nur selten auf. Untermalt wird das Geschehen zudem von einem passenden, stimmungsvollen Soundtrack, der jedoch nur bedingt im Gedächtnis haften bleibt. Dafür unterstützen Musik und Sound das spaßige und wuchtige Gameplay hervorragend und sorgen so für eine tolle Atmosphäre, die uns noch mehr in die Welt eintauchen und Atlas Fallen genießen lässt.

Fazit

Atlas Fallen ist für mich eine der großen Überraschungen des an großen Spielen und unerwarteten Hits nicht armen Jahres 2023. Das Action-Adventure überzeugt mit einem unverbrauchten Setting und grandiosem Gameplay. Die wuchtigen Kämpfe fühlen sich genauso wie das Flitzen durch die Spielwelt großartig an. Zwar lässt Atlas Fallen manchmal etwas an Abwechslung vermissen und die Geschichte ist insgesamt etwas zu simpel, doch das hat mich zu keiner Zeit gestört. Vielmehr wollte ich trotzdem stets wissen, was meine Namenlose als nächstes erlebt und wie der Kampf gegen Thelos weitergeht. Manchmal braucht es einfach nicht mehr als eine spannende, wenn auch einfache Geschichte, um zu motivieren. Besonders wenn alles andere so gelungen ist wie bei Atlas Fallen. Außerdem dürfen wir das Abenteuer auf Wunsch auch zu zweit im Koop-Modus genießen. Großartig! Fans wuchtiger Kämpfe und spaßiger Action-Adventures sollten sich Atlas Fallen unbedingt näher anschauen.

Kurzfazit: Innovativ und unverbraucht überzeugt Atlas Fallen mit wuchtiger Action, kreativem Setting und spaßigem Gameplay, zeigt aber kleine Schwächen bei Geschichte und Inszenierung.

Vielen Dank an Focus Entertainment & Deck13 Interactive für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Atlas Fallen!

Details
Titel: Atlas Fallen
Genre: Action-Adventure, Action-Rollenspiel
Publisher: Focus Entertainment
Entwickler: Deck13 Interactive
Spieler: 1-2
Syteme: Xbox Series X|S (getestet), PlayStation 5, PC
Altersfreigabe: ab 12
Erscheinungsdatum: 10. August 2023