Rezension: Shunas Reise (Manga)

Ein junger Prinz aus einem kleinen, armen Land bricht in Shunas Reise auf der Suche nach goldenem Korn gen Westen auf.

Shuna ist der Prinz eines kleinen, verarmten Landes. Von Gletschern umgeben und Winden gepeitscht, ist das Leben für die Menschen hart. Die wärmende Sonne dringt nicht bis ins Tal, die Erde ist trocken und die Ernten von Gelbhirse fallen karg aus. Eines Tages entdeckt Shuna nahe des Dorfes einen Fremden am Rande seiner Kräfte. Auf seinem Sterbebett erzählt der alte Mann Shuna von goldenen Samen und einem Land weit im Westen, in dem sich das Korn im Wind wiegen soll. Fest entschlossen, seinem Volk zu helfen, beschließt Shuna, auf seinem treuen Reittier Jakkul, Richtung Westen zu reisen. Er hegt die Hoffnung, die goldenen Samen zu finden und in seine Heimat bringen zu können.

Beschwerliche Reise

Über vierzig Jahre nach der Erstveröffentlichung von Shuna no Tabi in Japan, veröffentlicht Reprodukt die Fantasy-Abenteuer-Geschichte von Hayao Miyazaki erstmals auf deutsch. Obwohl Shunas Reise als Manga bezeichnet werden kann, handelt es sich bei dem Hardcoverbuch eher um eine typische japanische Bildergeschichte. Statt auf Panels und Sprechblasen, kommen kleine bis doppelseitige Aquarellzeichnungen mit Bildunterschriften zum Einsatz. Eher selten werden Dialoge direkt in Sprechblasen wiedergegeben. Allgemein ist Shunas Reise auf vergleichsweise wenige Worte und eine einfache Sprache reduziert, erlangt dadurch aber eine klare, strikte Erzählweise. Als Inspiration für die Geschichte des titelgebenden Prinzen diente das tibetische Märchen Der Prinz, der sich in einen Hund verwandelte. Frei nach der alten Erzählung, schrieb Hayao Miyazaki in den frühen 1980er-Jahren ein Fantasy-Abenteuer, das Parallelen zu anderen Werken des vor allem für seine Ghibli-Anime-Filme bekannten Regisseurs aufweist. Besonders Nausicaä aus dem Tal der Winde, dessen Manga-Vorlage Hayao Miyazaki zeitgleich zu Shunas Reise entwickelte, teilen sich so manche Thematik.

Als Schauplatz dient eine Welt, die deutlich an den asiatischen Kontinent und Länder wie Tibet oder Nepal erinnert. Doch das sind nur kleine Auffälligkeiten, die der spannenden Geschichte einen Rahmen verleihen. Schon auf den ersten Seiten verdeutlichen die stimmungsvollen Aquarellzeichnungen einen Eindruck des Lebens, das der junge Prinz Shuna bisher geführt hat. Dadurch ist sein Entschluss, nach Westen zu reisen, um die verheißungsvollen goldenen Samen zu finden, mehr als nachvollziehbar. Auch wenn er sich damit gegen seinen Vater und die anderen Menschen seines Landes stellt. Shuna muss sich auf seiner Reise mit zahlreichen Schwierigkeiten auseinandersetzen. Leere Landstriche, Wüsten, feindlich gesinnte Menschen und Sklaverei sind Themen, die Hayao Miyazaki in seinem frühen Werk aufgreift und gekonnt miteinander verbindet.

Gleichzeitig gelingt es, ein Verständnis für Shuna zu entwickeln. Dabei handelt der Prinz zwar aus der Absicht, anderen zu helfen, erweist sich aber auch von seiner Vorgehensweise überzeugt. Er ist mutig, gefestigt und ruhig. Ein Umstand, der der Erzählweise geschuldet ist, aber hervorragend zur Geschichte passt. Auch die Entwicklung der Handlung trägt viel zur Faszination bei. Shuna muss sich unbekannten Herausforderungen stellen, erfährt mehr über das Leben außerhalb seines Tals und wird Zeuge, wie Menschen andere Menschen jagen und verkaufen. Zugleich bleibt der junge Prinz nicht die einzige wichtige Figur der Geschichte. Ein Blick auf die Rückseite des Bandes zeigt bereits, dass er im Verlauf der Handlung zwei jungen Mädchen begegnet, die Hayao Miyazaki wunderbar in die Geschichte einfließen lässt und dabei bereits die Grundstrukturen späterer Ghibli-Heldinnen nutzt. Das trägt letztlich gemeinsam mit dem phantastischen, abwechslungsreichen und bildgewaltigen Abenteuer des titelgebenden Prinzen dazu bei, dass Shunas Reise bis zum gelungenen Ende fesselt.

Fazit

Als Reprodukt eine deutsche Veröffentlichung von Shunas Reise angekündigt hat, war ich sofort gespannt darauf, das Frühwerk von Hayao Miyazaki zu lesen. Schließlich ist die Abenteuergeschichte bis heute nicht übersetzt worden. Statt klassischem Manga, bietet Shunas Reise eine mit wenigen Worten erzählte Geschichte über die Suche des titelgebenden Prinzen und die Erkenntnisse, die er auf diesem Weg erlangt. Gemeinsamkeiten mit anderen Werken des Autors und Zeichners, der vor allem durch seine Anime-Filme als Regisseur bekannt ist, zeigen sich recht offensichtlich. Besonders der Film und Manga Nausicaä aus dem Tal der Winde, aber auch Prinzessin Mononoke und andere Werke, enthalten Elemente, die sich bereits in Shunas Reise zeigen. Vor allem aber ist Shunas Reise eine spannende, schön gezeichnete Abenteuer-Geschichte, die sich kein Genre- und Ghibli-Fan entgehen lassen sollte.

Kurzfazit: Märchenhafte Abenteuergeschichte, die in stimmungsvollen Aquarellzeichnungen mit wenigen Worten erzählt wird und ein spannendes Leseerlebnis bietet.

Vielen Dank an Reprodukt für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Shunas Reise!

Details
Titel: Shunas Reise
Originaltitel: Shuna no Tabi
Genre: Abenteuer, Fantasy, Drama
Verlag: Reprodukt
Mangaka: Hayao Miyazaki
Seiten: 160
Preis: 20,00 €
ISBN: 978-3-95640-395-8
Verlagsseite: Shunas Reise bei Reprodukt
Erscheinungsdatum: 04. September 2023

© 1983 Studio Ghibli
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