Rezension: Rage 2 (PS4)

Avalanche Studios und id Software starten in Rage 2 den Kampf ums postapokalyptische Ödland.

Schon 2011 konnten wir auf PC, PlayStation 3 und Xbox 360 erstmals ins Ödland von Rage aufbrechen. Der Open-World-Ego-Shooter von id Software wurde allerdings nur mäßig aufgenommen, weshalb die Ankündigung eines Nachfolgers etwas überraschend war. Bei der Entwicklung haben die Shooter-Experten und Doom-Schöpfer von id Software Unterstützung von den Just-Cause-Machern der Avalanche Studios, die mit Mad Max bereits postapokalyptische Erfahrung sammeln konnten, erhalten. Vorwissen ist für Rage 2 nicht erforderlich.

Dünn-brachiales Ödland-Abenteuer

Die Handlung von Rage 2 setzt dreißig Jahre nach dem Ende des Vorgängers ein. Bei einem Angriff der zurückgekehrten, fiesen Obrigkeit wird unsere Heimat Vineland zerstört. Als letzter überlebender Ranger namens Walker (nicht der mit dem Roundhouse-Kick), ist es an uns ehemalige Verbündete unserer Ziehmutter aufzusuchen und ein Projekt umzusetzen, das dem cyborgisierten Genral Cross, Anfrüherer der Obrigkeit, endgültig den Gar ausmacht. Das war es. Mehr Story hat Rage 2 nicht und entsprechend schnell sind die Hauptmissionen durchgespielt. Lediglich einige Nebenaufgaben in der relativ großen, offenen Welt müssen wir erfüllen, um bei unseren drei Verbündeten Loosum Hagar, Dr. Kvasir und John Marshall, die nächste jeweilige Mission freizuschalten. Je nach Spielverhalten brauchen wir für die Geschichte fünf bis sieben Stunden. Wirklich anspruchsvoll fällt die Handlung ebenfalls nicht aus. Überraschende Wendungen oder intelligente Dialoge braucht ihr nicht zu erwarten. Stattdessen wir teilweise recht derber Humor, geradlinige Gespräche und simple Action-Unterhaltung geboten.

Allerdings wurde von Entwicklerseite bereits im Vorfeld darauf hingewiesen, dass Rage 2 nicht die Geschichte, sondern das Gameplay in den Vordergrund stellt. Egal ob diese Aussage nur die Erwartungen an die Handlung im Vorfeld zurückschrauben sollte oder nicht, falsch ist sie definitiv nicht. Rage 2 lebt klar von den schnellen, brachialen Shooter-Einlagen. Wenn wir um uns schießend in ein Banditenlager stürmen, Granaten werfen, schnell von Sturmgewehr zu Schrotflinte wechseln, um einem nahenden Gegner eine Salve Schrot zu verpassen. anschließend mit einem Slam alle Gegner in unserer Nähe umhauen und mit der gesammelten Energie den Overdrive aktivieren, um noch stärker und schneller zu sein, macht das einfach sehr viel Spaß. Anschleichen? Taktisches Vorgehen? Darauf legt es Rage 2 nicht an und entsprechend sind auch die Möglichkeiten kaum vorhanden. Das Gameplay ist ganz klar auf die schnelle, brachiale und direkte Action ausgelegt.

Dafür stehen uns nicht nur Standard-Waffen wie das bereits erwähnte Sturmgewehr, eine Schrotflinte oder ein Raktenwerfer, sondern auch etwas ausgefallenere Möglichkeiten zur Verfügung. Der Grav-Pfeil-Werfer etwa zieht zuvor getroffene Ziele zu einem anderen Ort, den wir anschließend markieren. Mit dem Feuersturmrevolver können wir die Brandpatronen, nach dem sie an einem Gegner haften, in Brand stecken. Insgesamt acht Schusswaffen können wir in Rage 2 finden. Ergänzt werden sie von den Nanotrit-Fähigkeiten, also quasi Superkräften. Wir stoßen Gegner mit kinetischer Kraft von uns, errichten eine Barriere oder werfen eine Singularität vor uns, die Gegner anzieht. Während wir einige der Waffen und Fähigkeiten automatisch im Lauf der Hauptmissionen erhalten, müssen wir den Großteil in der über die offene Welt verteilten Archen finden. Alleine das sorgt bereits dafür, dass wir gezielt nach den einstigen Kryo-Unterkünften der Überlebenden vor der Katastrophe Ausschau halten.

Stylisch, aber repetitiv

Doch nicht nur die Archen laden uns dazu ein von der Story abzuweichen und mit unserem kampfstarken Fahrzeug Phönix das Ödland zu erkunden. Überall können wir Banditenverstecke, Straßensperren, Obrigkeitswachtürme, Konvois und Mutanten- sowie Crusher-Nester finden. Gerade zu Beginn haben wir gefühlt an jeder Ecke etwas zu erledigen, weshalb uns die eher öde Fahrerei zwischen den Punkten auf der Karte nur bedingt stört. Mit der Zeit wird aber deutlich, dass die Aufgaben gerade abwechslungsreich genug sind, um nicht zu schnell das Gefühl der Wiederholung zu bekommen. Vorteilhaft ist dabei auch das schnelle, brachiale und überaus spaßige Shooter-Gameplay. Einfach um noch mehr Action erleben zu können, suchen wir gezielt die nächste Aufgabe. Etwas mehr Abwechslung wäre trotzdem schön gewesen, außerdem ist die offene Welt eher trist und leblos. Das mag dem postapokalyptischen Setting geschuldet sein, doch auch hier wäre mehr möglich gewesen. Bereits eine kleinere, überaschaubarerer Open World mit etwas mehr Linearität hätte Rage 2 gut getan und einige unnötige Fahrwege erspart.

Trotzdem ist das Endzeit-Szenario eine der größten Stärken. Rage 2 bietet stilistisch eine verrückte, chaotische Postapokalypse, die sowohl beim Gegner-Design als auch den dreckigen, abwechslungsreichen Städten und NPCs überzeugt. Zwar sind die meisten Figuren im Spiel entweder Kanonenfutter oder Komparsen, doch in den Siedlungen sorgen die teils recht abgedrehten NPCs gemeinsam mit Stadt-Gestaltung für eine tolle Endzeit-Stimmung inklusive Cyberpunk-Anleihen. Als Fans solcher Szenarien, hat uns das wunderbar gefallen. Leider verschenkt Rage 2 viel Potenzial der Welt, da außerhalb der Siedlungen zu wenig abseits der Action passiert und auch Nebenaufgaben eher simpel ausfallen und nur wenig Geschichte bieten. Richtige Quests mit zusätzlichen Stories hätten uns besser gefallen und der Welt Leben einhauchen können. Selbst in stärkeren Momenten, denen wir zufällig begegnen können, nutzt Rage 2 nicht das gesamte Potenzial. Schade, da hier so viel mehr möglich gewesen wäre, ohne das Shooter-Gameplay zu sehr in den Hintergrund rücken zu lassen.

Kleine Anpassungen und Fehler

Angereichert wird Rage 2 zudem von Arena-Kämpfen und Rennen. Erfahrungspunkte gibt es nur, um den Level bei unseren Verbündeten zu erhöhen. Das wiederum bringt Ressourcen mit denen wir deren Projekte unterstützen können, was im Grunde Skillbäumen gleichkommt. Zusätzlich können wir unsere Fähigkeiten, Waffen und Fahrzeuge aufwerten oder Unterstützungsitems wie Granaten, Wingsticks oder Gesundheitsinfusionen herstellen. Beim Cyber-Doc dürfen wir außerdem Augmentierungen kaufen, die unsere Lebensenergie, den Overdrive oder unsere Waffenschaden erhöhen.

Optisch fällt Rage 2 vor allem mit dem bunten, abgedrehten Stil auf, ist grafisch sicher kein neuer Meilenstein, sieht aber gut aus. Auf der PlayStation 4 läuft der Shooter allerdings nur mit 30 FPS, PS4-Pro-Besitzer dürfen auf flüssigere 60 FPS zurückgreifen. Getrübt wird der Spielspaß von einigen Bugs. So kann es passieren, dass NPCs nicht mehr zu sehen oder ansprechbar sind, sogar einen Absturz mussten wir in Kauf nehmen. Ein Fehler hat außerdem einen Neustart des Spiels erfordert, bevor wir weiterspielen konnten. Im späteren Spielverlauf kam es außerdem im nördlichsten Gebiet zu mehrere Sekunden langem Einfrieren des Bildes. Auch das HUD verschwindet ab und zu, wenn wir etwa eine Kiste geöffnet oder ein Datapad gelesen haben. Nach einem Gang ins Menü, war dieser Fehler aber immer behoben. Kein Bug ist so groß, dass der dauerhafte Spaß an Rage 2 verloren geht, etwas nervig können sie dennoch ausfallen. Erwähnenswert ist außerdem die recht ordentliche deutsche Synchronisation bei der die weibliche Walker von Sandra Schwittau gesprochen wird. Für so manchen Spieler dürfte das anfangs etwas seltsam wirken, schließlich ist die großartige Synchronsprecherin vor allem als Stimme von Bart Simpson bekannt. Immer wieder haben wir darauf gewartet, wann unsere Rangerin „Friss meine Shorts“ oder etwas daran angelehntes sagt. Für Serien-Fans eine mögliche Bereicherung, die einen skruillen zusätzliche Witz mit einbringt, der aber gut zu Rage 2 passt.

Fazit

Rage 2 mischt eine Prise Borderlands mit einem guten Schuss Mad Max und einer großzügigen Portion Doom und übergießt das Ganze mit verrückter, knalliger Neon-Farbe. Das ist nicht anspruchsvoll und manchmal sehr derb, hat mich aber mit dem schnellen, brachialen Shooter-Gameplay gut unterhalten. Sicher, die Geschichte ist kurz und überaus simpel, die Dialoge recht dumpf, die Spielwelt etwas zu leer und die Aufgaben auf Dauer zu repetitiv. Trotzdem macht Rage 2 mit der schnellen Action viel Wett und sorgt für kurzweiligen Spielspaß, bei dem nicht zu viel nachgedacht werden sollte. Wer einen simplen, actionreichen Ego-Shooter sucht, sollte sich Rage 2 genauer ansehen.

Kurzfazit: Schneller Endzeit-Ego-Shooter, der mit schnellem Gameplay die simple, kurze Geschichte, leere Welt und repetitive Missionen etwas wett macht und kurzweiligen Action-Spielspaß bietet.

Vielen Dank an Bethesda Softworks für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Rage 2!

Details
Titel: Rage 2
Genre: Open-World-Ego-Shooter
Publisher: Bethesda Softworks
Entwickler: Avalanche Studios, id Software
Spieler: 1
Syteme: PlayStation 4 (getestet), Xbox One, PC
Altersfreigabe: ab 18
Erscheinungsdatum: 14. Mai 2019

© Bethesda Softworks