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Apr 08 2019

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Rezension: The Caligula Effect: Overdose (Switch)

2016 auf der PS Vita aufgrund zahlreiche Mängel gescheitert, ist mit The Caligula Effect: Overdose eine erweiterte Neuauflage des japanischen Rollenspiels erschienen.

Nicht immer sind interessante Konzepte ausreichend, um am Ende in einem guten Spiel zu münden. Einer dieser Fälle ist das Rollenspiel The Caligula Effect, das 2016 für PS Vita erschien. Zahlreiche Mängel bei Gameplay, Technik oder Umfang trübten seinerzeit den Spielspaß. Dennoch folgte nicht nur eine Anime-Serien-Adaption, sondern mit dem Mitte März erschienenen The Caligula Effect: Overdose auch eine verbesserte und erweiterte Neuauflage. Mit Unreal Engine 4 und neuen Inhalten ausgestattet, kann die Switch-Version zwar nicht in allen Belangen überzeugen, nutzt aber weitaus mehr das vorhandene Potenzial.

Vermeintliches, virtuelles Paradies

Um traumatisierten und mit ihrem Leben hadernden Menschen eine Zuflucht zu bieten, haben die virtuellen Sängerinnen, sogenannte Virtuadolls, Mu (im Spiel mit dem griechischen Schriftzeichen µ dargestellt) und Aria die virtuelle Welt Mobius erschaffen. Hier leben die Betroffenen als Oberschüler und durchleben eine nie endende Schleife von drei Jahren an der High School. Befreit von allen Problemen und Erinnerungen an die reale Welt, sollen sie wie in einem Paradies ihr Leben genießen können. Allerdings durchschauen einige der gefangenen Menschen das System und erkennen, was sich wirklich hinter Mobius verbirgt. Gemeinsam versuchen sie als Go-Home Club, dem sich unser Charakter anschließt, einen Weg nach Hause zu finden. Einfach ist das nicht, da die Ostinatio Musicians, die sich ebenfalls der Realität um die virtuelle Welt bewusst sind, unter Leitung von Mu und dem geheimnisvollen, verschlossenen Mädchen Thorn alles daran setzen, die Ordnung von Mobius zu erhalten. Dafür setzen sie auch auf Gehirnwäsche, um jene, die den Frieden der virtuellen Welt bedrohen, wieder in ihren vermeintlich glücklichen Dauerschulalltag zu zwängen.

Direkt zu Spielbeginn fällt eine entscheidende Neuerung auf: Statt nur einen männlichen Charakter erstellen zu können, ist es in The Caligula Effect: Overdose möglich, auch eine Schülerin zu wählen. Diese Entscheidung ist wichtig, da unser Geschlecht Einfluss auf den Umgang einiger Figuren mit uns und die Beziehungen hat. Haben wir unseren Namen festgelegt, geht es in die virtuelle Welt Mobius. In einer Anfangssequenz erkennt unser Avatar, die wahre Natur von Mobius und ein kurzes Tutorial bringt die ersten Grundlagen des Kampfsystems näher. Anschließend geht es mit der Erkundung des ersten Dungeons los. Hier zeigt sich bereits, dass The Caligula Effect: Overdose im Kern ein Dungeon Crawler ist und in einigen Punkten an die Persona-Reihe erinnert. Demnach erkunden wir Level, bekämpfen Gegner und freunden uns dazwischen mit unseren Partymitgliedern und zahlreichen NPCs an.

Freunde auf beiden Seiten

Auffällig an The Caligula Effect: Overdose ist jedoch zu aller erst die Geschichte und die darin angesprochenen Themen. Jede Person, sei es Begleiter oder einer der hunderten NPCs hat ein Trauma. Die Probleme der Mitglieder des Go-Home Clubs und der Ostinatio Musicians stehen dabei im Mittelpunkt der Dungeons. Zusätzlich können wir, abhängig vom Storyfortschritt, Charakterevents auslösen und auf diese Weise unsere Freunde besser kennenlernen. Jeder von ihnen hat Eigenheiten und Mackel, die sie vielleicht nicht sofort sympathisch, aber umso menschlicher und lebendiger wirken lassen. Gerade das hat uns an den Figuren so gut gefallen und dafür gesorgt, dass wir uns für sie interessiert, mit ihnen gefiebert und sie ins Herz geschlossen haben. Das ebenfalls vorhandene Freundschafslevel, das bereits nach kurzer Zeit den höchsten Rang erreicht hat, ist dabei weitgehend obsolet. Weitaus wichtiger sind die Eventfortschritte. In The Caligula Effect: Overdose erwarten uns zudem zwei neue Go-Home-Club-Mitglieder und Musicians plus zugehörige Dungeons. Das erweitert die im PS-Vita-Original als zu kurz kritisierte Spielzeit deutlich und auf gelungene Weise, da die neuen Figuren durchaus interessant sind.

Damit enden die inhaltlichen Neuerungen jedoch noch nicht. Viel mehr haben die Entwickler der Neuauflage, wie versprochen, einen komplett neuen Handlungsstrang spendiert. In diesem dürfen wir relativ früh im Spiel die Seiten wechseln und kommen als Ostinatio Musician Lucid in Kontakt mit den bisherigen Feinden. Gemeinsam mit ihnen erkunden wir bereits besuchte Dungeons erneut, erfüllen dort abwandelte Aufgaben und bekämpfen unsere eigentlichen Freunde vom Go-Home Club. Das bringt vielleicht spielerisch keine Abwechslung und fühlt sich teilweise mehr wie eine längere Nebenquest an, ist aber gerade aufgrund der Charaktervents zu den Ostinatio Musicians sowie dem Kontakt zu Mu eine Bereicherung. Schließlich lernen wir so die Feinde und ihre Beweggründe besser kennen. Schnell wir klar, dass The Caligula Effect: Overdose trotz fraglicher Hintergründe, keine direkt bösen Widersacher, die jemandem schaden wollen, hat. Alles ist viel menschlicher und deshalb sogar nachvollziehbar. Ein überaus interessanter Ansatz, der uns sehr gut gefallen hat und neue Enden für die Geschichte mit sich bringt.

Ungenutztes Potenzial

Dass The Caligula Effect: Overdose beim Gameplay bereits nach kurzer Zeit weitgehend alles gezeigt hat und der Spielablauf manchmal repetitiv wirkt, hat uns nicht gestört. Dafür hat uns die Geschichte zu sehr motiviert weiterzuspielen. Dennoch hätte die tristen und sich ziehenden Dungeons etwas Abwechslungsreicher ausfallen können. Obwohl jedes Level eine besondere Aufgabe wie das lösen von Rätselfragen oder Erfüllen von Botengängen hat, bleibt im Kern alles gleich. Wir durchstreifen Schule, Einkaufspassage, heiße Bäder und allerlei mehr, bekämpfen Gegner und treffen irgendwann auf einen Ostinatio Musician, der als Bossgegner fungiert. Klassisches Dungeon-Crawler-Gameplay das The Caligula Effect: Overdose nicht schlechter macht als andere Genrevertreter. Das volle Potenzial nutzt das Rollenspiel aber leider nicht.

Vor allem gilt das für das überaus interessante Kampfsystem. Treffen wir auf einen der Feinde, bei denen es sich ausschließlich um gehirngewaschene, als Digiheads bezeichnete Schüler handelt, erscheint ein runder, abgegrenzter Bereich, der optisch schick gestaltet ist. In dieser Arena treten wir rundenbasiert an. Statt jedoch einfach unsere Aktion auszuwählen und nacheinander anzutreten, geht es taktischer zu. Für jedes unserer bis zu vier Gruppenmitglieder dürfen wir bis zu drei Aktionen planen. Haben wir uns für einen Angriff oder eine Unterstützungsfähigkeit entschieden und einen Feind beziehungsweise Verbündeten ausgewählt, erhalten wir eine Vorschau wie der Kampf im besten Fall verlaufen wird. Treffer, Aktionen der anderen Kampfteilnehmer, alles ist zu sehen und wir können so etwa Angriffen der Feinde umgehen oder bei Abwehrhaltungen spezielle Talente benutzt, um diese zu durchbrechen. Haben wir alles geplant, werden die von uns bestimmten Aktionen ausgeführt. Allerdings verläuft nicht alles optimal. Die Quote in der linken oberen Bildschirmecke gibt an wie wahrscheinlich es ist, dass unsere Angriffe den Feind tatsächlich treffen. Das bringt Spannung mit ein. Außerdem benötigen unsere Gruppenmitglieder, je nachdem welche und wie viele Aktionen sie ausgeführt haben, unterschiedlich lang, um wieder agieren zu dürfen. Genaues planen klingt hier sinnvoll, ist aber nur in den seltensten Fällen wirklich notwendig. Hier verschenkt The Caligula Effect: Overdose am meisten Potenzial, da die Feinde viel zu einfach sind. Wenn wir auch nur halbwegs kämpfen, Erfahrungspunkte sammeln und leveln, sind sowohl unsere Ausrüstung, das Verbessern von Fähigkeiten als auch die Planung im Kampf hinfällig. Die Gegner sind schlicht zu schnell besiegt und häufig genügt es Standardangriffe zu spammen, statt überlegt zu handeln. Schade, da das Kampfsystem wirklich spannende Möglichkeiten bietet, die jedoch überflüssig sind.

Ein weiteres Problem steckt in den thematisch zwar individuellen, für sich aber zu eintönig aufgebauten Dungeons. Manches Level ist optisch schön anzusehen und sticht damit hervor, andere hingegen fallen bei der Gestaltung eher negativ auf. Zu sehr gestört hat uns das glücklicherweise nicht, da wir trotz allem immer noch an der Geschichte interessiert waren. Dialoge und Fortschritte innerhalb der Dungeons bringen hier die nötige Abwechslung, können das schwache Leveldesign jedoch nur minimal ausgleichen. Dazu kommt, dass sich einige Abschnitt recht lang ziehen und wir nicht nur als Lucid erneut in sie zurückkehren, sondern hier auch Nebenaufgaben zu erfüllen haben.

Zu viel des Guten

Damit sind wir bei einem weiteren zweischneidigen, großen Element des Spiels. In The Caligula Effect: Overdose treffen wir über fünfhundert(!) Charaktere. Neben den Go-Home-Club Mitgliedern und Ostinatio Musicians sind das die, ebenfalls als Schüler in Mobius gefangenen Menschen. Jeder verfügt über einen eigenen Namen und eine Position auf dem umfangreichen sozialen Diagramm. Alle Figuren sind irgendwie miteinander verknüpft, in Klassen und Gruppen eingeteilt. Jeder verfügt über ein eigenes Trauma, das es zu lösen gilt. Dafür müssen wir erst das Freundschaftslevel erhöhen. Kompliziert ist das jedoch nicht. Haben wir dreimal mit einem NPC gesprochen, haben wir schon das dritte und höchste Level erreicht und dürfen uns die Probleme der jeweiligen Person anhören. Aber nicht nur die Gespräche wiederholen sich schnell, so dass wir sie einfach wegdrücken, sondern auch die Traumata kommen öfter vor. Dadurch müssen wir viele Aufgaben mehrfach erfüllen. Individualität oder Bindung an die NPC bleibt außen vor. Auch weil die Nebenfiguren keine eigene Persönlichkeit haben und nur grob greifbar sind. Immerhin erhalten wir für gelöste Quests Upgrades und Ausrüstungsgegenstände. Alleine die Masse von über 500 NPCs macht das Ganze jedoch zu einer Mammutaufgabe. Hier wäre definitiv weniger besser gewesen, da das System definitiv Potenzial, das jedoch erneut verschenkt wird, hat.

Als Grafikgerüst setzt The Caligula Effect: Overdose wie bereits erwähnt auf die Unreal Engine 4. Anhand einiger Effekte ist das dem Spiel anzusehen, insgesamt bleibt die Optik jedoch hinter den Möglichkeiten zurück. Verwaschene Details und unschöne Umgebungen trüben den an sich positiven Gesamteindruck etwas. Ein grafisches Wunder ist das Rollenspiel sicher nicht, dennoch hat uns der Stil recht gut gefallen. Besonders das Charakterdesign und die schicken Figurenzeichnungen in den japanisch vertonten mit englischen Untertiteln ausgestatteten Dialogen stechen positiv hervor und könnten mit der tollen Mimik locker aus einem Anime stammen – und das, obwohl es sich lediglich um animierte Standbilder handelt. Richtige Zwischensequenzen gibt es selten und die Inszenierung findet wie in anderen Genrevertretern lediglich in Spielgrafik statt. Passend zur Thematik der Virtuadolls und Musiker als Feinde, spielt der Soundtrack eine größere Rolle. In jedem Level gibt es ein stilistisch anderes Stück zu hören. Ist die Musik vorerst nur instrumental, setzt in den Kämpfen Gesang ein. Leider gibt es in einem Dungeon keine Abwechslung und die Stücke fallen recht kurz aus. Trotzdem hat uns die Musikuntermalung, die klar Geschmackssache ist, gut gefallen und rundet das vielleicht nicht perfekte, aber trotz einiger Mängel motivierende Rollenspiel ordentlich ab.

Fazit

The Caligula Effect: Overdose ist ein klarer Nischentitel. Und das nicht nur, weil es sich um ein eher unbekanntes, grafisch nicht opulentes japanisches Rollenspiel handelt, sondern auch aufgrund der zahlreichen Mängel. Überfrachtete Systeme, ungenutztes Potenzial, zu leichte Kämpfe, auf Dauer zu wenig Abwechslung und eine musikalisch vom persönlichen Geschmack abhängige Untermalung machen den Einstieg nicht leicht. Wer sich jedoch auf den Titel einlässt und über die offensichtlichen Mängel hinweg sehen kann, erlebt eine motivierende, spannende Geschichte. Gerade diese hat mich gemeinsam mit den menschlichen Charakteren von The Caligula Effect: Overdose überzeugt. Die meisten Mängel des Spiels haben mich nur bedingt gestört und ich hatte viel Spaß damit die Dungeons zu erkunden, mich mit den zahlreichen Gruppenmitgliedern anzufreunden, sie besser kennenzulernen und die Hintergründe der virtuellen Welt zu erkennen. Lediglich die über fünfhundert NPCs und das ungenutzte Potenzial des Kampfsystems sind mir wirklich sauer aufgestoßen, haben den Spielspaß aber kaum getrübt. Wer bereits Persona mochte, kann ruhig einen Blick wagen, genauso wie JRPG-Fans, denen Geschichte und gut geschriebene Charaktere wichtiger sind, als abwechslungsreiches, fehlerfreies Gameplay. Hoffentlich nutzen die Entwickler die Erkenntnisse aus The Caligula Effect: Overdose und spendieren dem Rollenspiel einen Nachfolger, statt die Marke endgültig fallen zu lassen. Verdient wäre es und sei es nur, um das vorhandene Potenzial zu nutzen.

Kurzfazit: Trotz offensichtlicher Mängel und ungenutztem Potenzial überzeugt The Caligula Effect: Overdose mit interessanten Ansätzen und Gameplay-Elementen sowie besonders einer spannenden Geschichte und lebendigen, menschlichen Charakteren. Ein Genre-Geheimtipp für all jene, die über spielerische Schwächen hinwegsehen können.

Vielen Dank an NIS America für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von The Caligula Effect: Overdose!

Details
Titel: The Caligula Effect: Overdose
Genre: Rollenspiel
Publisher: NIS America
Entwickler: Aquria, FuRyu
Spieler: 1
Syteme: Switch (getestet), PS4, PC
Altersfreigabe: ab 12
Erscheinungsdatum: 12. Februar 2019

© FURYU Corporation. Licensed to and published by NIS America, Inc.

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