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Nov 09 2018

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Rezension: Project Itoh: Genocidal Organ (Blu-ray)

Die Macht von Worten und aktuelle weltpolitische Themen zeichnen in Genocidal Organ eine dystopische Zukunftsvision.

Ein nuklearer Anschlag hat im Jahr 2015 Sarajevo ausgelöscht. Im Anschluss daran haben die Industriestaaten aus Angst vor Terrorismus die Freiheit der Bevölkerung für mehr Sicherheit geopfert. Die daraufhin entstandenen Überwachungsstaaten stehen dem Chaos in den Entwicklungsländern gegenüber. Hier herrscht eine brutale Welle aus Bürgerkrieg und Völkermord mit immer größeren Ausmaßen. Als sich abzeichnet, dass ein mysteriöser Amerikaner namens John Paul mit den Ereignissen in Verbindung zu stehen scheint, wird der Special-Forces-Captain Clavis Shepherd damit beauftragt ihn zu jagen. Überall wo John Paul auftaucht werden Regierungen destabilisiert und es kommt zu grausigen Gewalttaten. Eine heiße Spur führt Shepherd in Prag zur Sprachlehrerin Lucia Škroupova. Doch wie gelingt es John Paul ganze Länder aus den Fugen zu heben? Reicht die bloße Macht des Wortes aus?

Die Macht der Worte

Genocidal Organ, der dritte Film der auf einem Roman des 2009 im Alter von 34 Jahren verstorbenen japanischen Autors Project Itoh basiert, ist kein simpler Militär-Actioner, sondern eine wissenschaftlich-philosophisch untersetzte dystopische Zukunftsvision aktueller Weltprobleme. Die Gesellschaft hat sich nach der nuklearen Vernichtung Sarajevos stark gewandelt und reiche Länder wie die USA sind zu wohlhabenden Überwachungsstaaten geworden, in den Sicherheit vor Freiheit steht. Überwachungskameras, Retina-Scans, Fingerabdruck-System und allerlei mehr sind im Alltag der Menschen des Jahres 2020 normal. All das hängt eng mit der Zeit nach dem 11. September 2001 und dem Krieg gegen den Terror zusammen. Project Itohs Geschichte seines Debüt-Romans Gyakusatsu Kikan ist eine spannende und intelligente Mischung aus Spionagekrimi, Verschwörungsdrama und Science-Fiction-Militär-Action. Bereits zu Beginn des Films wird die Grausamkeit des Krieges und der vorherrschende Bürgerkrieg und Völkermord in armen Ländern thematisiert. Allerdings ist Krieg hier kein bloßer Schauplatz, sondern wird kompromisslos und emotional umgesetzt, so dass die Bilder nahe gehen und gedankliches Beschäftigen mit dem Thema erfordern.

Verstärkt wird das Ganze durch die Technik, die Protagonist Clavis Shepherd und den anderen US-Soldaten jegliche Emotion und das Schmerzempfinden nimmt. So sind sie ohne jegliche Gefühle in der Lage Kindersoldaten auszuschalten und kämpfen selbst dann noch weiter, wenn sie schwer verwundet sind. Regisseur Shuko Murase verpackt den Krieg in mitnehmende Bilder, die niemanden kalt lassen dürften. Inklusive realistisch anmutender Häuser- und Waldkämpfe. Allerdings ist der offen geführte Krieg nur ein Teil von Genocidal Organ. Die eigentliche Mission von Special-Forces-Captain Clavis Shepherd und seinem Team ist die Jagd nach dem mysteriöse Amerikaner John Paul, der überall wo er sich aufgehalten hat, ein destabilisiertes Land in Bürgerkrieg und Völkermord hinterlässt. Hier wird der Film zu einem wahren Spionagethriller. Clavis und sein Kamerad Williams beschatten, im wunderschön mit realen Schauplätzen umgesetzten Prag, die Sprachlehrerin und Linguistin Lucia Škroupova, die Kontakt zu John Paul hatte. Hochspannend und ruhig werden kleine Psychospielchen und intelligente Unterhaltungen eingebaut. Besonders John Pauls Ausführungen bezüglich der „Grammatik des Genozids“ ufern teilweise stark aus und werden zu wissenschaftlichen Erläuterungen. Gemeinsam mit den philosophischen Gesprächen wird dadurch das Erzähltempo stark reduziert, was nicht jedem Zuschauer gefallen dürfte, aber die Dialoge sind wichtig für die dystopisch-realistische Zukunftsvision die Genocidal Organ zeichnet.

Im Laufe der Handlung beginnt Shepherd sein eigenes Handeln zu hinterfragen; der kritische Blick auf eine totalitäre Überwachungsgesellschaft zieht an und Genocidal Organ erhält ähnlich sozial- und gesellschaftskritische Themen wie The Empire of Corpses und Harmony. Allerdings ist der dritte Film der Project-Itoh-Trilogie unserer Gesellschaft weitaus näher und beschäftigt sich mit hoch aktuellen weltpolitischen Themen. Die Gratwanderung zwischen Sicherheit und Freiheit wird in Frage gestellt und genauso die Mittel mit denen das eigene, sichere und wohlhabende Leben in seiner Heimat geschützt werden darf. Gleichzeitig befasst sich die Geschichte zentral mit Bürgerkrieg und Genozid und scheut nicht davor zurück Völkermorde der Vergangenheit anzusprechen. Ähnliches gilt für Terroranschläge, deren Auswirkungen und mögliche Gründe sowie den Einfluss von Regierungen und Industrie auf die Medien und deren Rolle bei Kriegen. Natürlich ist all das verpackt in eine dystopische Zukunftsvision, die jedoch sehr real erscheint und deshalb eine Wirkung ausübt, die zum Nachdenken anregt und mit so mancher Szene lange im Gedächtnis bleiben dürfte. Zu verdanken ist das auch der hochwertigen optischen Umsetzung, den exzellenten Animationen bei denen CGI hervorragend zum Einsatz kommt. Die glaubhaften, erwachsenen Charaktermodelle, eine kompromisslose Inszenierung und die erstklassige deutsche Synchronisation sowie der packende Soundtrack runden das Gesamtbild zusätzlich ab. Genocidal Organ ist sicherlich nicht für jeden geeignet, wer aber die etwas langatmigen wissenschaftlichen Ausführungen und philosophische Dialoge nicht scheut, erhält einen intensiven Dystopie-Science-Fiction-Thriller, den man so schnell nicht vergisst.

Fazit

Die Project-Itoh-Trilogie hat mit The Empire of Corpses und Harmony bereits zwei sehr gute bis grandiose Filme hervorgebracht. Genocidal Organ knüpft für mich stärker an das zweite Werk an. Regisseur Shuko Murase inszeniert die dystopische Zukunftsvision intelligent und spannend und befasst sich ganz in Project-Itoh-Manier kompromisslos mit gesellschafts- und sozialkritischen Problemen, die sich mit aktuellen weltpolitischen Themen befassen. Gerade diese Nähe zu unserer Gesellschaft in Einklang mit der harte Umsetzung des Kriegs und einer absoluten Sicherheit in Staaten wie den USA, hat bei mir ein beklemmendes Gefühl ausgelöst. Es ist gut, dass Genocidal Organ kein bloßer Action-Film ist, sondern viel mehr eine packende Mischung aus dystopischem Science-Fiction-Drama, Spionagekrimi und Verschwörungsthriller. Lediglich die teilweise recht ausführlichen wissenschaftlichen Erklärungen und philosophisch angehauchten Dialoge dürften nicht jedem gefallen, sind aber essenziell für die Geschichte und die so zentrale Macht der Worte. Jeder der sich daran nicht stört, sollte dem Film definitiv eine Chance geben.

Kurzfazit: Hochspannende dystopische Zukunftsvision, die mit aktuellen weltpolitischen Fragen zum Nachdenken anregt und zugleich Krieg schonungslos umsetzt, aber dank ausufernder, wichtiger Dialoge etwas an Tempo verliert.

Vielen Dank an Kazé Anime für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Project Itoh: Genocidal Organ!

Details
Titel: Project Itoh: Genocidal Organ
Originaltitel: Gyakusatsu Kikan
Genre: Thriller, Drama, Science-Fiction, Action
Regie: Shuko Murase
Studio: Geno Studio
Produktionsjahr: 2017
Laufzeit: ca. 114 Minuten
Sprachen: Deutsch, Japanisch (DTS-HD Master 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonus: Film auf DVD
Herkunftsland: Japan
Altersfreigabe: ab 16
Erscheinungstermin: 30. März 2018
Herstellerseite: Project Itoh: Genocidal Organ bei Kazé Anime

© Project Itoh / GENOCIDAL ORGAN / Geno Studio / Kazé Anime

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